Book Review: "Credence" von Penelope Douglas
- Celine-Michelle Mehlis
- 10. Sept. 2025
- 5 Min. Lesezeit
( Triggerwarnung - Dieses Buch behandelt sensible Themen wie sexuelle Gewalt, psychische Gesundheit, Machtmissbrauch, Inzest-Tendenzen und misogynes Verhalten. Wenn dich solche Inhalte triggern oder emotional belasten, lies bitte mit Vorsicht – oder entscheide dich bewusst dagegen. Credence spielt bewusst mit Tabus und überschreitet moralische Grenzen – was für manche herausfordernd oder verstörend sein kann.)
Es gibt Bücher, die liest man nicht einfach – man erlebt sie. Credence von Penelope Douglas ist definitiv eines davon. Unkonventionell, provokant und emotional fordernd, stellt dieser Roman Fragen, die unbequem sein können.
Was passiert, wenn man plötzlich frei ist, aber nicht weiß, wer man eigentlich ist? Wenn Nähe gefährlich wirkt, aber genau das ist, was man am meisten braucht?

Die Hauptfiguren – zerrissen, roh, lebendig
Also fangen wir vorne an: bei den Menschen, die dieses Chaos so unwiderstehlich machen.
Tiernan de Haas
Tiernan ist 17, als ihre Welt zerbricht – oder besser gesagt: sich komplett entzieht. Als Tochter zweier berühmter Menschen, die nie wirklich Eltern waren, ist sie es gewohnt, übersehen zu werden. Emotional vernachlässigt, innerlich leer und äußerlich stark, landet sie plötzlich bei ihrem Onkel Jake – in den abgelegenen Bergen von Colorado. Dort beginnt nicht nur eine neue Lebensphase, sondern auch eine heftige Reise zu sich selbst. Tiernan ist keine klassische Heldin – sie ist leise rebellisch, verletzlich und oft schwer zu greifen. Und gerade deshalb unglaublich echt.
Jake Van der Berg
Jake ist Tiernans Vormund – der Stiefbruder ihres verstorbenen Vaters. Ein raubeiniger, wortkarger Typ mit Vergangenheit, der sich nicht um gesellschaftliche Erwartungen schert. In ihm steckt Härte, aber auch Verantwortung. Seine Präsenz ist dominant, aber nicht eindimensional – genau das macht ihn so faszinierend. Zwischen Pflichtgefühl und Begehren bewegt sich Jake auf einem schmalen Grat.
Noah Van der Berg
Noah ist der leichtere der beiden Brüder – zugänglich, offen, charmant. Der Typ, der lacht, flirtet, neckt. Bei ihm wirkt alles ein bisschen einfacher, ein bisschen heller. Aber auch Noah hat seine Ecken. Er weiß, was er will, und versteckt seine Absichten nicht. Ich mochte seine Direktheit – auch wenn ich manchmal nicht wusste, wie viel davon gespielt war. Noah ist auf jeden Fall jemand, der einem im Kopf bleibt. Nicht nur wegen seiner Art, sondern auch, weil unter der stetigen Freundlichkeit mehr liegt, als man zuerst vermutet.
Kaleb Van der Berg
Kaleb ist das genaue Gegenteil von Noah – still, verschlossen, roh. Er redet kaum, wirkt oft wie ein Schatten. Und trotzdem ist da etwas an ihm, das sofort eine gewisse Aufmerksamkeit zieht. Vielleicht, weil man merkt, dass sein Schweigen nicht leer ist, sondern voller unausgesprochener Dinge. Kaleb ist kein einfacher Charakter. Aber er ist einer, der hängen bleibt. Und manchmal sagen seine Blicke mehr als jedes Wort. Ihn zu verstehen, fühlt sich an wie ein Puzzle ohne Vorlage – aber genau das macht ihn so spannend.
Worum geht’s eigentlich?
Als Tiernans Eltern überraschend sterben, bleibt sie mit einem Leben zurück, das sich nie wirklich nach „ihrem“ angefühlt hat. Fame, Reichtum, Oberflächlichkeit – all das war da, aber nie echte Nähe. Plötzlich steht sie da: allein, minderjährig und ohne Plan.
Ihre neue Heimat? Eine abgelegene Hütte irgendwo in den Bergen von Colorado, bei einem Onkel, den sie nie getroffen hat, und seinen beiden Söhnen. Was folgt, ist keine klassische Coming-of-Age-Story. Credence ist wild, intensiv, fordernd.
Weit weg von der Welt, die sie kennt, beginnt für Tiernan eine Reise zu sich selbst – mit viel Reibung, mit Nähe, mit Versuchung. Aber auch mit Freiheit. Denn zum ersten Mal in ihrem Leben ist da niemand, der ihr sagt, wie sie sein soll.
Nur die Frage bleibt: Wer will sie eigentlich sein?
Meine Meinung – über Grenzen, Vibes & Seelenleben
Credence ist definitiv kein Buch, das man mal eben nebenbei liest – und auch keins, das sich in moralisch bequemen Bahnen bewegt. Schon auf den ersten Seiten hat es meine eigenen Grenzen hinterfragt. Es spielt mit Tabus, spricht Dinge an, die unbequem sind: Machtverhältnisse, sexuelle Identität, psychische Leere. Themen wie sexueller Missbrauch, Misogynie oder emotionale Manipulation stehen spürbar im Raum – und trotzdem gelingt es Penelope Douglas, nicht ins Voyeuristische oder Banale abzurutschen.
Ich war überrascht, wie gut sie die Balance hält: zwischen Provokation und Tiefe, zwischen Irritation und Empathie.
Was mich an Credence besonders fasziniert, ist die Art und Weise, wie Penelope Douglas die Landschaft beschreibt. Der Bezug zur Natur, zu den Tieren und vor allem zu den Jahreszeiten Herbst und Winter zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Man spürt den kalten Wind, sieht die kahlen Bäume, riecht den Duft von nassem Laub und Schnee – das Ganze verleiht dem Buch eine ganz eigene, fast schon greifbare Stimmung.
Das abgelegene Haus in den Bergen wird mehr als nur ein Ort – es wird zum Symbol für Rückzug, für Schutz und gleichzeitig für Einsamkeit. Dieses Wechselspiel zwischen Geborgenheit und Isolation passt perfekt zur inneren Reise von Tiernan, die mit ihrer Trauer, Orientierungslosigkeit und inneren Leere so greifbar ist, dass man fast automatisch mitfühlt. Ich war von Anfang an in ihrem Kopf – und da wollte ich auch bleiben.
Und dann ist da noch dieser Punkt, den ich kaum ignorieren kann:
Kein Buch hat meinen moralischen Kompass je so herausgefordert wie Credence.
Es hat mich dazu gebracht, meine eigenen Werte und Grenzen zu hinterfragen – was an dieser Stelle vollkommen in Ordnung ist, denn wir reden hier schließlich über Fiktion. Und genau das macht dieses Buch so intensiv: Es verlangt keine Zustimmung, aber es zwingt zum Nachdenken.
Der Titel „Credence - Sie ist tabu, aber Liebe kennt keine Regeln“ verspricht eine leidenschaftliche Liebesgeschichte, die Grenzen überschreitet. Doch schnell wird klar: Im Buch geht es weniger um Liebe im klassischen Sinne, sondern vielmehr um sexuelle Anziehung und Lust – manchmal roh und ungefiltert, manchmal verwirrend und widersprüchlich.
Die Beziehungen sind intensiv, kompliziert und oft von Machtspielen geprägt. Das macht das Buch nicht weniger spannend, aber es stellt eben auch klar, dass hier keine romantische Märchenwelt erzählt wird. Wer also auf der Suche nach einer zarten Lovestory ist, sollte sich darauf einstellen, dass Credence ganz andere Themen behandelt – und oft auf unbequeme Weise.
Trotz allem finde ich Credence wahnsinnig gut. Ich habe schon andere Bücher von Douglas gelesen und wurde auch hier nicht enttäuscht. Ihr Schreibstil zieht mich einfach immer wieder in den Bann.

Ihr werdet dieses Buch lieben, wenn …
… ihr bereit seid, euch auf moralisch schwierige Themen einzulassen
… ihr Bücher mögt, die Grenzen überschreiten und Tabus nicht meiden, sondern bewusst damit spielen.
… ihr Geschichten wollt, die mehr fühlen lassen als bequem machen.
… ihr eine düstere, raue Atmosphäre liebt – mit Bergen, Schnee, Wildtieren und dem Gefühl von totaler Abgeschiedenheit.
… ihr Penelope Douglas und ihren Schreibstil kennt – und wisst, dass sie selten den leichten Weg geht.







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